Der Baum, der hat drei Ecken, drei Ecken hat der Baum

Dezember 15th, 2009

Ach, Du mein lieber Herr Li. Es ist einmal wieder besonders Herr-Li-ch, was Du Dir so für das größte Fest westreligiöser Konsumfreude ausdenkst. Bereits Ende Oktober haben wir Verständnis mit Deinen eifrigen Aufrüst-Versuchen gezeigt. Nun aber betritt Dein Unbegreifen gar picassoistisches Terrain.

Weihnachtsbaum AEZ HamburgAuch im amerikanisch beeinflussten Deutschland gewöhnen wir uns immer mal wieder daran, dass ein Weihnachtsbaum zum Kegel stilisiert wird. Das ist praktisch, weil industriell einfacher produzierbar. Und wenn man ihn dann voller Glitter hängt, merkt fast niemand, dass dem falschen Fuffziger die Hüfte fehlt. Geblinke lenkt halt ab.

Zum Beispiel hier ein Bild aus meinem liebsten deutschen Konsumtempel, dem AEZ in Hamburg. Ein bisschen Gold, ein wenig Rot und alles geschmackvoll verteilt – so kann man damit durch kommen. Selbst die Kegelform ist nicht allzu stark übertrieben und lässt noch so manch Perfektionslosigkeit erkennen. Frei nach Stenkelfeld ist das sicherlich beabsichtigt: Da weiss der geneigte Kunde gleich “Aha – der sieht oben so krumm aus, der muss echt sein und is bestimmt von greisen Norwegern mit viel Liebe ein Leben lang aufgezogen, im Zuge eines feierlichen Dorf-Festes als schönster Baum gekürt, umgesägt und dann direkt hierhin verbracht worden, damit wir uns den jetzt zwei Wochen lang angucken können”.

Der aufmerksame Betrachter erkennt zweifellos auch die umherfliegenden besinnlichen Sterne an der Decke und noch so manch anderes dunkelgrünes und dunkelrotes Zeugnis, dass man sich nun in der Adventszeit befindet.

Weihnachtlich oder soHerr Li, der wenig katholisch ist und für den Weihnachten in der Tat ein Fest der Wirtschaft ist, gestaltet es nach seinen eigenen Regeln. Da steht schon mal ein Kegelbaum allein auf weiter Flur. Gänzlich unbeleuchtet und ohne Drumherum mitten auf dem Weg. Ein paar Kugeln rein, ein gülden Band drumherum gefidelt und dann sollen jetzt halt alle mal denken, es ist Weihnachten.

AbrüstenBei Starbucks ist man der Zeit voraus und hat bereits abgerüstet, da steht der Baum schon wieder fertig zu Abtransport in der Ecke, direkt neben den frühling-verheissenden Orchideen, die schon für die nächste Deko bereitstehen. Die Becher mit dem roten festlichen Aufdruck sind auch bereits aus, und es gibt wieder die weissen. Was solls – das Oktoberfest ist immerhin auch schon abgefeiert, bevor der Oktober überhaupt mal im Kalender ankommt.

Das beste aber ist, dass unser Herr Li offenbar die Geburtsstätte des Christkindes an denWeihnachtspyramideUfern des Nils vermutet, denn er hat zur nächsten Stufe der Abstraktion geläutet: Den Pyramiden von Phe-kingh. Drei Stockwerke hoch türmen sie sich hier um die Ecke vor dem Prosper Center auf. Eine goldene vorne und eine silberne hinten. Zur Sicherheit. Soll ja niemand sagen, mal würde dieses komische Fest nicht mitfeiern. Viel hilft viel.

Es mutet dann jedoch wenig besinnlich an, wenn ein Lastenkran vier Stahlstangen auf den Vorplatz hievt, die umgehend von 25 laut schnatternden Chinesen provisorisch mit glanzgoldenem Monster-Lametta behängt und bespannt werden. Der grell-orangene Bettvorleger am Fusse von Gizeh ist in seinem Job als Besinnlichkeitsbereiter leider ebenfalls wenig erfolgreich. Orange kommt in den adventlichen Farben nun einmal einfach nicht wirklich vor.

Und ob den Erdenkern dieser lichtreflektierenden Erscheinung wohl bewusst ist, dass ihr oben aufgesetzter Weihnachtsstern nicht nur die Form des russischen roten Sterns hat, sondern sich auch noch in einer Linie mit der chinesischen Fahne direkt vor ihm befindet? Diese hat bereits fünf davon, lässt im übrigen jedoch den üblicherweise mit dieser Anzahl verbundenen Luxus vermissen. Aber wer weiss – wenn es jetzt sechs an der Zahl sind, ändert sich das vielleicht. In Las Vegas sind Pyramiden ja recht komfortabel, wie man hört. Mit Weihnachten hat das trotzdem wenig zu tun.

Trotzdem, Freund Li tut was er kann. Der Wille zählt, selbst wenn man nicht genau weiss, was er da so gewollt hat. Aber für ihn ist das neu, der tut nix, der will nur spielen. Und Weihnachten ist das Fest der Liebe, da wollen wir mal nicht so sein. Frohes Fest, Herr Li! Und im Februar kannst Du Dich dann revanchieren und beschweren, dass wir ollen Bleichgesichter das Chinese New Year wieder nicht richtig feiern und falsch dekorieren.

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