Buddelkönig

November 5th, 2009

“Wenn man immer gerade durch die Erde gräbt, kommt man irgendwann in China raus”.

Diesen Satz kennt wohl jeder in der ein oder anderen Formulierung.
Einmal durch die Erde nach China
Bei einer näheren Betrachtung des Globus wird allerdings ersichtlich, dass man eher den Tiefsee-Lebewesen des indischen Ozeans einen Besuch abstatten würde. China liegt nicht nur dichter als man meint, es ist zudem genauso auf der Nordhalbkugel beheimatet wie Madrid, Paris oder Meppen.

Aber vielleicht möchte das Sprichwort eher sagen, dass in China alles anders ist. Auf den Kopf gestellte Gewohnheiten sozusagen. Und da kommen wir der Sache schon näher. Die Menschen laufen zwar nicht mit den Füßen an der Decke, aber manches ist so gegensätzlich, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Schauen wir uns einmal ein paar Beispiele an.

Der Kompass zeigt hier nach Süden, statt nach Norden, und wenn er zwischen zwei Richtungen liegt, stellt man die Breitengrade voran und sagt beispielsweise “Ostsüden” oder “Westnorden”.
Nach der Bestellung von zwei Fleisch- und drei Gemüsegerichten fragt der Kellner bei der Bestellaufnahme geduldig, ob man denn keine Hauptspeise möchte. Er meint damit Reis, Nudeln oder Brot, was im Westen wiederum eher als Beilage gilt.
Ein kaltes Wasser hat Zimmertemperatur und ein als “normal” bestelltes ist warm. Man spricht sogar umgedreht. “Morgen abend treffen wir uns um sieben Uhr am Eingang” klingt wortwörtlich wie “Wir morgen abend sieben Uhr am Eingang treffen”.

Man isst vom Huhn die Füsse, vom Fisch den Kopf, und der Fußgänger muss dem Autofahrer den Vorrang lassen. Man benutzt die Begriffe “hoch” und “runter” für “nächsten” und “vorherigen”, aber in umgekehrter Bedeutung wie erwartet. Man hält einander nicht die Tür auf. Der Aufhaltende würde damit anstatt gesellschaftliche Anerkennung zu ernten seinen eigenen Status auf Bediensteten-Niveau reduzieren und nebenbei auch kein Dankeschön bekommen. Weder verbal noch in Form eines Blickes.

wedding dressBeim beliebten Spiel “Ja, Nein, Schwarz, Weiss” hätte der Chinese grandios die Nase vorn, denn Ja und Nein existieren als Wörter im europäischen Sinne in seiner Sprache überhaupt nicht.
Die für uns als Warnfarbe bekannte Kulör Rot steht neben Nationalstolz und Gemütlichkeit für Glück und ist unter anderem die Farbe des Brautkleides. Dieser Umstand hatte bei der Einführung der international anerkannten Ampel-Lichtsignalanlagen für einige Verwirrung gesorgt: Ausgerechnet Rot soll stop bedeuten? Kann nicht sein. Weiss steht übrigens allgemeinhin für Tod und hält aus diesem Grund nur zaghaft Einzug in die Hochzeitsfarben.

Beim Drei-Kreuze-machen oder beim Wahlschein-ausfüllen legt Herr Li einen astreinen Haken aufs Papier, da für ihn das X gleichbedeutend mit Wegstreichen oder aus-ixen, also negativ besetzt ist. Wäre unter diesem Gesichtspunkt einmal interessant, einen hiesigen Lottoschein zu sehen.

NIVEA lotionsUnd dann ist da noch das Schönheitsempfinden und die Farbe der Haut. Eine immer wieder interessante Situation ergibt sich beim Hin- und Herfliegen zwischen Asien und Europa: Dort im Duty Free der Nivea Selbstbräuner und hier die Bleichcreme aus selbem Haus. Malle-Brutzelbraum vs. Schockfrost-weiss. Irgendwie haben wir doch alle ein Rad ab, gleich aus welchem Gesellschaftsschoß.

Wird in Deutschland verzweifelt versucht, das Kinderkriegen zu fördern, tut man hier alles, um es zu verhindern. Leiden alte Menschen im Westen unter einer gewissen Identitätskrise am Rande der Gesellschaft, ist ihnen hierzulande nicht nur die fortwährende Einbindung in die Familie gewiss, sondern auch ein gewisser Respekt im täglichen Miteinander. Und überhaupt: Den Begriff ‘rüstige Rentner’ dürften Herr Li und seine Würfelkollegen kaum kennen. Sie scheinen irgendwas sehr viel anders und dabei sehr viel besser als wir zu machen, denn knochenmüde und sinnentleert blickende Erscheinungen fortgeschrittenen Alters gibt es keine. Da wird bis zum Schluss forsch umher marschiert, so fit und fidel ist manch Mitvierziger der Industrieländer nicht mehr. Und all das ohne Krankenversicherung und Vorsorgeuntersuchungen. Vielleicht ist doch etwas dran, wenn man morgens, mittags und abends die Gruppen der Wedelomas, rückwärts wipp-schlurfenden Opas und LaOla-Armschwenkenden Rentergruppen sieht. Bewegung hält offenbar in der Tat jung, auch wenn es etwas befremdlich aussieht.

Beim Betreten eines Zimmers wird so zaghaft leise an der Tür geklopft, dass man das Ohr schon direkt auf dem Holz haben muss, um es zu hören. Lautes Klopfen ist unhöflich. Im Restaurant hingegen brüllt man ungeniert aus vollem Halse “KELLNER!!”, wenn man etwas möchte. Während jedem Hanseaten dabei die Gabel aus der Hand fallen würde, schert sich hier niemand um den krakelenden Gast. Unhöflich ist das nicht.

Man schreit im Aufzug ungeniert ins Handy, nimmt sogar im Kundenmeeting sein laut bimmelndes Telefon in die Hand und klärt die Dinnerpläne für den Abend. Aber man ist empört und zutiefst verletzt, wenn der unwissende Ausländer eine Frage stellt, die eine klare und direkte Antwort erfordert. Verbindliche Aussagen zu machen ist nicht Herrn Lis Steckenpferd. Reden ist Silber.

Vielleicht kommt man den Chinesen nicht unbedingt näher, wenn man durch den Planeten buddelt. Ein vehementes Umgraben der grauen Zellen indes könnte helfen. Auf deren Unterseite wähnt zwar manch Ungewohntes und Gewöhnungsbedürftiges. Trotzdem kann es nicht schaden, sich dem einmal auszusetzen. Immerhin kann jeder Gärtner oder Landwirt bestätigen, dass Auflockerung die beste Grundlage für Wachstum ist.

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