80:68, ein Exkurs

September 27th, 2009

Hätten sie auch noch so sehr den Thron vedient – St. Kilda musste sich Geelong in den letzten Minuten des 4. Quartes geschlagen geben. Aber was für ein Grand Final!
Es ist zwar kein Geheimnis, aber für den folgenden Beitrag muss ich es noch einmal deutlichEM in Hamburg sagen: Ich bin kein Freund des europäischen Fussballs, und ich möchte alle Fussballfreunde bitten, die folgenden offenen Worte zu entschuldigen.
Natürlich habe ich zur WM die klassischen ‘…schland’-Lieder gesungen, mein 1974 Vintage Adidas-Trikot getragen und auch zur EM mitfiebernd beim ‘Öffentlichen Schauen’, also Public Viewing auf die Leinwandprojektionen gestarrt. Es war fantastisch, irre spannend und wird für immer eine tolle Erinnerung sein.

Länderkämpfe sind spannend. Schon allein deshalb bevorzuge ich die olympischen Spiele. Schnell-Rumlaufen, auf Stangen geschobene Eisenscheiben in die Luft halten oder die Wasseroberfläche mit langen Holzpaddeln verhauen: unter dem Mantel der altgriechischen Athleten-Ehre erscheinen all diese Sportarten plötzlich interessant. Hier treten Fahnen gegeneinander an, werden Hymnen gespielt, geht es um den Wettkampf der Nationen.

Fernab dieser Großereignisse verlieren jedoch viele dieser spielerischen Schlachten ihren Reiz. Und im Falle von Fußball karikieren sie sich sogar selbst. Mein liebstes Beispiel: Wie kann man während der WM oder EM auf die Holländer schimpfen und ihnen das schnellste Versagen der Geschichte wünschen, um dann eine Handvoll Wochen später denselben Spielern Van Dingensbiergeschwängert grölend ewige Treue schwören, wenn sie in HSV-Farben ins Volksparkstadion (= BlaSponsorBla Arena) eintraben? Das entbehrt nicht einer gewissen Schizophrenie. Ein paar weitere Wochen später läuft die millionenschwere Wechsel-Dich Maschinerie an und besagter Balltreter findet sich plötzlich in einem anderen Verein wieder. Ein Kollege eines verfeindeten Clubs nimmt indes seine Stelle ein und ist einfach so ein Freund der anderen zehn.

Was ist ein HSV, Werder, Bayern München oder sonstiger Verein noch, wofür steht er? Nicht nur Spieler und Trainer wechseln mindestens jährlich und kommen aus aller Herren Länder. Sogar die Teamfarben werden verfälscht. Neuer Sponsor = neues Hemd. Da sieht ein Spieler aus Bremen auch mal gerne den Holländern ähnlich, weil er recht viel Orange auf dem Lätzchen trägt. Dieser Spieler ist dann vielleicht noch dunkelhäutig und des Deutschen kaum mächtig. Ob der überhaupt eine Ahnung hat, wofür “Sspitzer Sstein” steht? Was weiss der eigentlich von Bremen? Oder Deutschland?

Vielleicht sollte man den Begriff ‘Deutsche Bundesliga’ überdenken und die Teams nur noch durchnummerieren: ‘Sammelsurium 1, Sammelsurium 2, …”. Aber wir kommen jetzt doch arg vom Thema ab. Und wie bereits erwähnt: Meine Beziehung zum europäischen Fussball ist eher brüchig und viele Leute sehen das ganz anders. Wahrscheinlich mit Recht. Die Fussi-Dissonanz entspringt auch aus einer persönlichen Frustration. Es ist aber wirklich zu nervig, wenn man nie mitreden kann, weil es einen nunmal absolut nicht interessiert. Verdammte Bratwurst.

Hier im Land von Reis und Tee hat Fussball ebenfalls eine wachsende Bedeutung, kommt aber noch nicht so recht aus den Kinderschuhen heraus. Zweifellos wird es noch eine Weile dauern, bis ein international starkes Team erwächst. In der Zwischenzeit ist man mit den Nationalsportarten Badminton und Tischtennis sehr zufrieden. Gähn

Welch ein glücklicher Umstand also, wenn man Menschen kennt, die “untendrunter”, also Down Under geboren wurden und den neugierigen Noreuropäer mit in die Bar nehmen, um gepflegt AFL zu schauen. Von deren Existenz hatte dieser bis dato keinen blassen Schimmer. Das dieser “Australian Football League” zugrunde liegende Spiel ist gelinde gesagt faszinierend und mitreissend. Und da das gestrige Grand Final die australische Sommerpause einläutete, bleiben nunmehr jetzt Zeit und Gelegenheit, das 1858 eingeführte viktorianische Fußball dem möglicherweise ebenso unbefleckten geneigten Leser näher zu bringen.

AFL Stadion Das Spielfeld ist ein Oval, das mindestens 150m lang und 135m breit sein muss. Mindestens. In der Tat sind viele Heimfelder der Teams ganz individuell in Länge und Breite. Als regelgewöhnter Europäer (Stichwort Grashalm-Längenvermessung der FIFA) findet man daran zunächst Anstoß, entdeckt aber später eine ungewohnte Konsequenz des Begriffs “Heimvorteil”, die ganz neue Perspektiven eröffnet. Die an den spitzeren Enden des Ovals liegenden Tore bestehen aus vier vertikalen Pfosten. Und wie bei den meisten Footballarten ausser der europäischen Variante ist das Punktesystem etwas breiter gefächert. Vereinfacht kann man sagen, dass ein nicht abgefälschter Kick durch die beiden mittleren Pfosten 6 Punkte und durch die Seiten nur einen einzigen Punkt bringt.

AFL Stadion
Ebenfalls nur einen Punkt bekäme ein gekickter Ball durch die Mitte, wenn er nach Verlassen des Fusses einen anderen Spieler oder einen der Pfosten berührt oder erst gar nicht gekickt, sonderm mit der Hand hineingeschlagen wurde. Deshalb wird das Final-Ergebnis aus dem Titel dieses Beitrages auch offiziell 12.8 (80) zu 9.14 (68) geschrieben. Die Zahl vor dem Punkt steht für die 6-Punkt Tore, die nach dem Punkt für die Anzahl der 1-Punkt Tore.
Gespielt wird mit einem ovalen Ball, der irgendwo zwischen dem recht runden Rugby Ei und dem sehr spitzen amerikanischen Football liegt. Die 18 Spieler eines Teams dürfen sich jederzeit überall auf dem Feld aufhalten und den Ball durch Tragen, kicken oder schlagen (ähnlich einem einarmigen ‘Baggern’ im Volleyball) nach vorne bringen. Nur Werfen geht nicht. Ein endloses über den Platz Tragen wie im amerikanischen Football ist ebenfalls nicht erlaubt. Der Ball muss alle 15 Längenmeter entweder abgegeben werden oder den Boden berühren. Gute Spieler schaffen es, ihn mitten im Lauf wie einen Basketball auf dem Rasen abprallen zu lassen, um ungebremst weiter zu rennen. Manche bücken sich auch im Laufen hinunter und tippen die Pille einmal auf. Das Tragen ist allerdings wenig erträglich, da die Gefahr, von einem Gegenspieler zum Ballverlust gebracht zu werden dabei recht hoch ist. Für schnellen Raumgewinn wird das Ei also aus dem Laufen heraus nach vorne gekickt oder zur Seite geschlagen, um von einem Mitspieler gefangen und weitergegeben zu werden.
Dieses gezielt zu erreichen ist natürlich recht schwierig und führt zu dem, was das Spiel so spannend macht: dem rasanten Gameplay.
St. Kilda am BallGeelong zu oft unhaltbar

Am besten zu vergleichen ist die Geschwindigkeit des Spiels mit Basketball oder Eishockey, da es ein zweistündiges unablässiges Powerplay darstellt. Und Powerplay meint hier wirklich tatsächlich richtig Tempo. Es gibt fast keine Spielunterbrechungen, und der Ball wechselt in einer Minute auch gerne bis zu 10mal die Spielrichtung, da das kontrollierte Abgeben enorm schwierig ist. Ein langsames Aufbauen von hinten raus, wie es die deutsche Nationalelf gerne tut gibt es nicht, und kann es bei der Spielstruktur nicht geben. Wenn die Ballabgabe länger als ein paar Sekunden auf sich warten lässt, pfeift auch bereits einer der Schiedsrichter und es geht sofort in die andere Richtung weiter. Das Leder ins Seitenaus zu befördern hilft niemanden. Es wird von dort umgehend von einem Schiri rückwärts über Kopf wieder hineingeworfen und beide Teams haben gleiche Chancen, das Ding zu fangen. Gegner an der Seitenlinie anspielen, um taktisch einen Einwurf und eine kurze Pause zu bekommen – Fehlanzeige.

Ein St. Kilda Kick aufs Goal Geelong Catch trotz Kilda Tackle

Anfänglich sind dies alles sehr verwirrende Regeln, die natürlich noch sehr viel mehr Details beinhalten und hier nur grob dargestellt sind. Aber es wird ganz schnell klar, dass man hier noch echten Kerlen zuschaut, die echten Wett-Kampf austragen. Klar denkt man zunächst, dass es sich um ein unfassbar brutales Spiel handeln muss, indem die Mannschaften reihenweise mit Splitterbrüchen vom Feld getragen werden. Aber dem ist nicht so. Ein zwar sparsames, aber enorm cleveres Regelwerk verhindert genau die Fouls, die im Fussball zu den allgegenwärtigen Sanitäterszenen führen. Oberhalb der Schulter, von hinten und unterhalb der Knie hat man sich vom Gegner fern zu halten. Übermäßig brutales Angehen wird sofort geahndet und damit gibt es keine Szenen wie im Rugby oder American Football, wo die schlimmsten Situationen dann entstehen, wenn ein gerade im Ballfangen befindlicher Spieler einfach umgenietet wird. Wie sie das so gut schaffen ist mir allerdings schleierhaft.

Neben der Gelegenheit, alle paar Minuten einem Tor zuzusehen, ist besonders erfrischend, dass keiner auf dem Feld versucht, einen Oscar zu verdienen, nur weil ein Stollen seiner mit 12 Millionen Euro gesponsorten Schuhe möglicherweise eine aus dem Rasen rakende Mückenlarve gestreift hat. Dramatisch tuntenhaftes zu-boden-fallen mit anschliessendem verweichlichten Rumgekrampfe habe ich nicht ein einziges Mal gesehen. Ebenso ausgeblieben sind die bekannten Streitdiskussionen mit Schiedsrichtern und Gegnern. Kein peinliches Sidane-Gehabe, das das Image einer ganzen Sportart ruiniert. Und für derartiges Kleinmächenverhalten bliebe auf dem AFL Feld auch gar keine Zeit, denn das Spiel läuft weiter und einen Strafraum gibt es nicht.

Leider hat St. Kilda um zwei Full Goals verloren, der Sieg wäre ihnen gegönnt gewesen. Aber ein kleiner Trost bleibt: In der AFL dürfen die Teams beim nächsten Saisonstart in umgekehrter Reihenfolge neue Spieler wählen. Die letzten werden die ersten sein. Fantastische Fairness.

Australian Football. Sicher nicht für jeden was und durch augenscheinlich fehlender Ordnung auf dem Platz ganz und gar un-deutsch. Herrlich.

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